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Vorhersagen … und was daraus geworden ist. Ein Abstecher in die Zukunftsforschung

: Zukunftsforschung ist keine Kaffeesatzleserei. Dr. Bernd Flessner bringt sie uns näher.

Wer eine verlässliche Zukunftsvorhersage haben will, möge bitte den Wahrsager konsultieren – das als Ratschlag des Referenten vorweg. Wer hingegen an einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Begriff des Fortschritts interessiert ist, dem sei dringend empfohlen, den Ausführungen von Zukunftsforscher Dr. Bernd Flessner zu folgen. Hier eine Zusammenfassung seines ebenso informativen wie unterhaltsamen Vortrags Vorhersagen …und was daraus geworden ist. Ein Abstecher in die Zukunftsforschung.

Methodik der Zukunftsforschung

Der probabilistischer Raum (Möglichkeitsraum) ergibt sich aus dem so genannten Szenariotrichter, dessen drei Dimensionen von der Wissenschaft als Best Case Szenario, Trendszenario und Worst Case Szenrario bezeichnet werden. Szenarien sind dabei keine Prognosen oder Modelle einer möglichen Zukunft, sondern liefern eine Orientierung, wohin es gehen könnte, Unsicherheiten und Unschärfen eingeschlossen. Je weiter sich der Trichter von der Gegenwart entfernt, desto weiter wird er, desto weiter wird auch der probabilistische Raum, also der Spielraum an Möglichkeiten. Zur treffsicheren Vorhersage der Zukunft gilt es deshalb, diesen Möglichkeitsraum mit Hilfe von Zukunftsmodellen vom so genannten Unmöglichkeitsraum abzugrenzen.

Prognosen vs. Zukunftsspuren

Wir sind alle Zeitreisende. Wir reisen alle in die Zukunft.

Dr. Bernd Flessner

Kann etwas, das noch gar nicht passiert ist Spuren hinterlassen? Ja, sagt die Wissenschaft: Schließlich sei die Zukunft in Vergangenheit und Gegenwart schon angelegt und hinterlasse dort reichlich Zukunftsspuren (im Volksmund auch Omen, von der Zukunftsforschung Portents genannt). Allerdings könne man diese in der Regel nur rückwirkend als solche erkennen – die Kerndisziplin in der Zukunftsforschung.

Dr. Bernd Flessner steigt mit seinem Vortrag am Anfang des technischen Zeitalters ein, auch bekannt als Zeitalter der Industrialisierung, beginnend etwa um 1880. Innovative Schlüsselindustrien sind damals Architektur, Mobilität und Kommunikation. Diese entfalteten eine bis dahin nicht gekannte beschleunigende Wirkung. Während die Prozesse und Fertigkeiten im Handwerk über Jahrhunderte gepflegt und weitergegeben wurden, war plötzlich alles anders: Jetzt war die junge Generation vorne weg, nicht mehr die alte. Wo früher der Enkel zum Opa kam, um sich technischen Rat zu holen, ist es heute der Großvater, der sich vom Enkel auf den neusten technischen Stand bringen lässt – eine Umkehrung, die schon damals begann.

Dreh- und Angelpunkt der rasanten technischen Entwicklung waren die großen Städte, die sich selbst auf einem enormen Wachstumskurs befanden. Mit den auch damals üblichen Problemen von Ballungsräumen: Überfüllung, Schmutz und mangelnde Hygiene. Was heute der Feinstaub ist, war damals der Pferdedung. Und die Prognosen sagten Schlimmes voraus: der Pferdemist würde bis zum Jahr 1920 bis zu einem Meter hoch in den Straßen ansteigen. – Was die Prognostiker bei ihren Überlegungen nicht berücksichtigten, war die Erfindung des Automobils, eine Erfindung mit großer disruptiver Wirkung.

Ein Fortschrittsmotor ganz anderer Art war die Literatur, genauer gesagt, die Science-Fiction-Literatur. So hat Jules Verne schon 1860 in Paris im 20. Jahrhundert eine Metropole gezeichnet, die über ein absolut modernes Kommunikationssystem verfügt: Faxe, Fernseher, Telefone und Rechenmaschinen. Grund genug für den Verleger, das Geschreibsel als hanebüchen abzutun und die Veröffentlichung zu verweigern. Und das, obwohl Jules Verne seine Fantasien aus Gesprächen mit Wissenschaftlern entwickelt hat. Als Neil Armstrong Dekaden später gefragt wurde, wie sich wohl Schwerelosigkeit anfühle, hat er geantwortet, das sei schwer zu erklären, man möge das bitte in Jule Vernes‘ Von der Erde zum Mond nachlesen. Ganz allgemein sind die Raumfahrtfantasien Vernes bis heute Blaupausen für Raketen, Spaceshuttles und dergleichen – sogar Drohnen hat er vorweggedacht.

Science Fiction vs. Expertentum

Von den „echten Experten“ wurden seine Entwürfe indes ausgelacht. Deren Bibel war vielmehr das Buch Die Welt in 100 Jahren von 1910, das von Experten und Autoren gemeinsam geschrieben wurde – und in dem, wie wir heute wissen, die Autoren oft richtig, die Experten oft ganz und gar daneben lagen – etwa in der Beurteilung von Zukunftsmodellen anderer. So hat etwa Thomas Alva Edison die Idee eines Taschentelefons von Robert Sloss mit allerhand Berechnungen zu diskreditieren versucht – wenn es schließlich jemand weiß, so ist es ein Physiker, nicht etwa ein Phantast.

Beispiele für Rechthaberei, falsche Annahmen und Statusdünkel lassen sich in der Gegenüberstellung von Science-Fiction-Autoren und Experten reichlich finden. So wurde die Phantasie eines Internets aus der Feder von Edward Morgan Forster von Physikern als Mumpitz abgetan. Ähnliches geschah mit der Idee einer Atlantiküberquerung per Flugzeug, 1909 vom Flugzeugpionier Orville Wright ins Reich der Unmöglichkeit verbannt, 1919 von John Alcock und Arthur Brown durchgeführt. Auch der Einsatz von Flugmaschinen als Kriegswaffe, erstmals 1909 vom Autor H. G. Wells in Der Luftkrieg ins Spiel gebracht, vom Marschall Ferdinand Foch 1911 noch als militärisch wertlos eingestuft.

Aber es gibt auch Beispiele, wo Experten mit ihren Ideen ihrer Zeit voraus waren. Aus heutiger Sicht besonders interessant ist Ferdinand Porsche, der den Elektro-Allrad-Antrieb schon 1900 auf der Weltausstellung in Paris vorgestellt hat. Es waren die großen Erdölfunde, die diesen Ansatz dann zugunsten des Verbrennungsmotors für Jahrzehnte vergessen machten. Die Science-Fiction-Autoren indes fanden ihn schon damals großartig – wer wäre denn so vermessen, einen so teuren Rohstoff wie Erdöl einfach zu verbrennen und damit zu allem Überfluss auch noch das Klima zu verändern? Einer von ihnen, Hugo Gernsback, hat in seinem Roman Ralph 124C 41+ übrigens die Solartechnologie originalgetreu vorweggenommen.

Gesellschaft vs. Technik

Die weltweite Nachfrage nach Kraftfahrzeugen wird eine Million nicht überschreiten – allein schon aus Mangel an Chauffeuren. Gottlieb Daimler

Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung. Kaiser Wilhelm II

Was die zitierten Herren  schlicht übersehen haben: Es gibt nicht nur den technischen Fortschritt an sich – es gibt auch den soziokulturellen, der damit einhergeht. In gewisser Weise ist die Technik nur der Motor für gesellschaftliche Umwälzungen: Ist eine Idee oder ein neues Gerät erst einmal auf der Welt, entstehen eine Vielzahl von Nutzungsideen, Verwendungszwecken und Märkten drumherum. Wer also technische Errungenschaften vorschnell für tot erklärt, hat die Rechnung ohne den sozialen Kontext gemacht. Denn der Fortschritt potenziert sich selbst: Aus Ideen werden Realitäten werden Ideen werden Realitäten werden Ideen …

Weil es so schön ist, hier noch ein paar weitere Zitate zum Thema, diesmal aus der digitalen Branche:

Ich glaube, es gibt einen weltweiten Bedarf an vielleicht fünf Computern. Thomas Watson (IBM-Chef), 1943
E-Mail ist ein Produkt, dass man absolut nicht verkaufen kann. Ian Sharp, 1979
Es gibt keinen Grund für ein Individuum, zu Hause einen Computer zu haben. Kenneth Olsen (Digital Equipment), 1977
Mehr als 640 Kilobyte Speicher werden Sie niemals benötigen. Bill Gates, 1981
Aus dem iPad wird nichts, Netbooks gehört die Zukunft. Bill Gates, 2010

Die Liste ließe sich weiter fortsetzen, wir aber enden mit einem Zitat, welches die Rivalität von Science Fiction und Expertise besonders komisch auf den Punkt bringt: Chips verbrauchen ziemlich viel Strom, und es entsteht Wärme. Das Hirn würde also verkochen. Das ist im Moment nicht nur Zukunftsmusik, das ist Science Fiction. Da möchte man augenzwinkernd erwidern: Zum Glück, so hatte die Sache wenigstens eine Chance. Gesagt hat das übrigens Peter Formherz, Max-Planck-Institut für Biochemie, München 2012.

Am Ende seines Vortrags zur Zukunftsforschung gibt uns Dr. Bernd Flessner noch diesen Rat auf den Weg – und folgt darin Albert Einstein: „Wenn Sie Ideen zu beurteilen haben: Eine plausible Idee, die Sie sofort überzeugt, hat in der Regel nichts mit Zukunft zu tun – deswegen ist sie ja so plausibel, denn sie hat mehr mit der Gegenwart zu tun. Eine völlig absurde Idee, abwegig, Spinnerei, die sollten Sie sich unbedingt näher ansehen. […] Eine plausible Idee ist Schnee von gestern.“

Fazit

Die Zukunft vorherzusehen – ein Menschheitstraum. Diejenigen unter uns mit einem Hang zum Aberglauben erfüllen sich diesen bei einem Wahrsager, andere bevorzugen die Methoden der Zukunftsforschung, etwa die der Probabilistik. Dr. Bernd Flessner nimmt uns auf eine Reise in die Vergangenheit mit und zeigt anhand interessanter Beispiele auf, welche Auswirkungen sie auf die Zukunft hat. Dabei wird deutlich, dass nicht etwa die Esoteriker oder die Wissenschaftler die größte Treffsicherheit in Sachen Zukunftsvorhersage für sich beanspruchen können – vielmehr sind es Science-Fiction-Autoren wie Jules Verne, H. G. Wells oder Philipp K. Dick. Was ihre zeitgenössischen Wissenschaftskollegen damals oft nicht ohne Spott ins Reich der Phantasie verbannen wollten, stellte sich Jahrzehnte später als teils sehr exakte Zukunftsprognose heraus. So sind technische Errungenschaften wie das Automobil, das Smartphone oder die bemannte Raumfahrt ohne ihre literarischen Vorlagen kaum denkbar.

Dies lehrt uns zwei Dinge: Zum einen, dass die Verbindung von Phantasie und technischem Wissen Größeres hervorzubringen vermag als jede dieser Disziplinen für sich allein. Und b.) dass es sich bei der Entstehung von technischem Fortschritt um ein soziokulturelles Phänomen handelt, das Qualitäten einer selbsterfüllenden Prophezeiung aufweist.

Wir von Micromata lieben Science Fiction. Begleiten Sie uns auf eine galaktische Reise.

Jule Witte

Presse & Kommunikation